Accusativus cum Infinitivo [AcI]


Der AcI ist eine Satzkonstruktion, die sich aus einem Akkusativ und einem Infinitiv zusammensetzt und von einem übergeordneten Verb abhängt. Sowohl der Infinitiv als auch der Akkusativ können gewissermaßen als Objekt des übergeordneten Verbs aufgefasst werden*. Den AcI gibt es auch im Deutschen, vor allem nach Verben des Veranlassens, des Sehens und Hörens:

Ich zwinge dich, dies zu tun.

Er befehligte sie, zu ihm zu kommen.

Wir hören dich Lieder singen.

Ihr seht mich nach Hause laufen.


Das Denken, welches dabei vorschwebt ist folgendes: Ihr seht "mich" (1. Objekt), ihr seht "(das) Laufen" (2. Objekt); "mich" und "laufen" sind also genau betrachtet beides Objekte von "sehen".
Anderes Beispiel: Ich zwinge "dich" (1. Objekt), ich (er-)zwinge "das Tun" (2. Objekt).
Daraus entsteht die Konstruktion: Ich zwinge dich zu tun.





  1. Zur Übersetzung des AcI



    Die Problematik, die der AcI mit sich bringt, ist diejenige, dass der Lateiner den AcI eben nicht (nur) so benutzt, wie wir Deutschen es tun. Er dehnt ihn auf eine weitaus größere Klasse von Verben aus, mit denen wir im Deutschen keinen AcI bilden würden*.
    So würde ein Lateiner nicht sagen:

    Ich glaube, dass du schweigst.sondern:"Ich glaube dich zu schweigen."[puto te tacere.]
    Er bemerkt, dass wir hoffen.sondern:"Er bemerkt uns zu hoffen."[animadvertit nos sperare.]
    [bitte niemals so, wie in den Anführungszeichen übersetzen!]


    Da in diesen Fällen der AcI im Deutschen nicht ebenfalls mit einem AcI wiedergegeben werden kann, muss er über einen Objektsatz bzw. Subjektsatz (dass-Satz) aufgelöst werden. Für den Lateiner ist der AcI allerdings kein Nebensatz, weshalb er auch nicht durch Kommata abgetrennt ist.


    1. Was geschieht mit dem AcI in der deutschen Übersetzung?

      Der Akkusativ des AcI, in diesem Kontext auch Subjektsakkusativ genannt, nimmt im deutschen Satz die Funktion eines Subjekts ein, da wir den AcI meistens mit einem Nebensatz übersetzen. Der Infinitiv wird dabei zum Prädikat, das sich nach dem Subjektsakkusativ richtet.

      CaesarputavitHelvetioscunctare.
      einleitendes Subjekteinleitendes VerbSubjektsakkusativInfinitiv

      im Deutschen:
      Caesarglaubte,dass die Helvetierzauderten.



    2. Prädikatsnomina, die sich auf die im AcI handelnde Person beziehen, stehen ebenfalls im Akkusativ.

      Dico te stultum esse.Ich sage, dass du dumm bist.
      Opinor sagittarios veloces esse.Ich meine, dass Bogenschützen flink sind.



    3. Ist die handelne Person im AcI dieselbe, die ihn auch "einleitet" so stehen für diese die Reflexivpronomina. Das gilt auch für Rückbezüge auf das einleitende Subjekt. In der deutschen Übersetzung erscheinen diese entweder überhaupt nicht oder als Personalpronomina, es sei denn auch im Deutschen liegt ein wirklicher AcI vor!

      Beim Possessivum suus (sein, ihr), das nur reflexiv gebraucht wird, ist Vorsicht geboten: Es gibt entweder das Besitzverhältnis zur Person, die im AcI handelt, oder zu der, die diesen einleitet, an. Der Kontext und die Auffassung des Übersetzers sind dann ausschlaggebend:

      Dixit se alis suis in itinere esse.Er sagte, dass er mit seinen Reitertruppen auf dem Weg sei.
      Caesar dixit hostes consilium suum scire.Caesar sagte, dass die Feinde seinen Plan wüssten. [Caesars Plan; nicht: "...die Feinde ihren Plan wüssten"]
      Confiteor me peccavisse.Ich gestehe, gesündigt zu haben. [länger: ich gestehe, dass ich...]



    4. Zeitverhältnisse im AcI

      Die Handlung innerhalb des AcI kann

      1. vorzeitig : Infinitiv Perfekt
      2. gleichzeitig : Infinitiv Präsens
      3. und nachzeitig : Infinitiv Futur

      zu derjenigen des Einleitungsverb verlaufen:

      Scio te venisse.Ich weiß, dass du gekommen bist.
      Scio te venire.Ich weiß, dass du kommst.
      Scio te venturum esse.Ich weiß, dass du kommen wirst.


      Dixit te venisse.Er sagte, dass du gekommen seist.
      Dixit te venire.Er sagte, dass du kommest.
      Dixit te venturum esse.Er sagte, dass du kommen werdest.


      Es ist darauf zu achten, dass im Deutschen bei indirekter Wiedergabe der Konjunktiv verwendet wird, nur umgangssprachlich selten der Indikativ.







  2. Verwendung des AcI



    Nach folgenden Verbklassen steht ein AcI bzw. kann ein AcI stehen:

    1. Verben des Sagens, Meinens und Wissens

      dicere, loquisagen, sprechen
      arbitrari, opinari, putare, reri, existimare, censeremeinen, glauben
      credere, fidereglauben, vertrauen
      scire; nescirewissen; nicht wissen
      scribereschreiben
      narrareerzählen
      clamareschreien
      nuntiaremelden


      Imperii hoc verbum, non adulationis esse obsequio crede tuo.Glaube durch deinen Gehorsam, dass dies ein Wort der Herrschaft, nicht der Schmeichelei ist.
      Scelestissimum te arbitror.Ich glaube, dass du der größte Verbrecher bist.



    2. Verben der sinnlichen Wahrnehmung

      sentirefühlen, wahrnehmen
      audirehören
      videresehen


      Imperii hoc verbum, non adulationis esse obsequio crede tuo.Glaube durch deinen Gehorsam, dass dies ein Wort der Herrschaft, nicht der Schmeichelei ist.
      Scelestissimum te arbitror.Ich glaube, dass du der größte Verbrecher bist.



    3. Verben der Gefühlsäußerung

      dolereSchmerz empfinden, betrübt sein
      gaudere, laetarisich freuen
      mirari; admirarisich wundern; bewundern
      querisich beklagen
      indignarisich empören


      Suos ab se liberos abstractos (esse) obsidum nomine dolebant.Sie empfanden Schmerz darüber, dass ihre Kinder als Geiseln von ihnen entrissen worden waren.
      Querebatur se moriturum esse.Er klagte darüber, dass er sterben werde.



    4. Verben des Veranlassens und Verbietens

      iubere, edicerebefehlen
      vetareverbieten
      sinere, pati(zu-)lassen


      Caesar vetuerat singulos legatos a legionibus discedere.Caesar hatte einzelnen Legaten verboten, sich von den Legionen zu entfernen.
      Germani vinum ad se omnino importari non patiuntur.Die Germanen lassen es überhaupt nicht zu, dass Wein zu ihnen importiert wird.
      Iussi valere eum.Ich hieß ihn wohlleben.



      Wenn die Person, der etwas verboten oder befohlen wird, nicht genannt ist, dann wird trotzdem ein AcI konstruiert. Der Infinitiv steht in diesem Fall abweichend vom Deutschen im Passiv.

      Varus iussit copias Germanos oppugnare.Varus befahl seinen Truppen, die Germanen anzugreifen.
      Varus iussit Germanos oppugnari.Varus befahl, die Germanen anzugreifen.
      Pontem Caesar iubet rescindi.Caesar befahl den Abriss der Brücke.



    5. Verben des Wollens und Wünschens

      cuperewünschen
      vellewollen



      Diese Verben haben den bloßen Infinitiv (Objektsinfinitiv) bei sich, sofern es nur ein Subjekt gibt. Bei wechselndem Subjekt oder passivischen Infinitiv, steht aber ein AcI.

      ObjektsinfinitivVis flere.Du willst weinen.
      AcIVis me flere.Du willst, dass ich weine.
      AcICupis me esse nequam.Du wünscht, ich sei ein Nichtsnutz.



    6. Verben des Hoffens, Versprechens, Drohens, Schwörens

      sperarehoffen
      promittere, polliceriversprechen
      confirmareversichern
      (con-)iurareschwören
      (com-)minaridrohen



      Diese Verben haben im Lateinischen gewöhnlich den Infinitiv Futur oder einen futurischen Ausdruck (Verben des Müssens, Sollens, Könnens) bei sich. Der Deutsche begnügt sich zumeist mit einfachem (Infinitiv) Präsens.

      Pollicetur Piso sese ad Caesarem iturum.Piso verspricht, zu Caesar zu kommen.
      Pro certo polliceor hoc vobis atque confirmo me esse perfecturum.Ganz ohne Zweifel verspreche und versichere ich euch, dies zu verwirklichen.
      Is [dolor] fortitudinem, magnitudinem animi, patientiam se debilitaturum minatur.Dieser Schmerz droht, die Stärke, Größe und Ausdauer meines Geistes zu schwächen.



    7. unpersönliche Ausdrücke

      constates steht fest
      consuetudo estes ist Gewohnheit
      mos estes ist Sitte
      licet estes ist erlaubt, man darf
      necesse estes ist notwendig
      opus estes ist nötig, man muss
      non opus estman darf nicht
      regnum estes ist Tyrannei



      Wie die Verba des Wünschens und Wollens, stehen auch die unpersönlichen Ausdrücke dann mit AcI, wenn das Subjekt wechselt; anderenfalls mit Subjektsinfinitiv.

      AcINon opus est nunc intro te ire.Du darfst jetzt nicht hineingehen.
      SubjektsinfinitivMagorum mos est non humare corpora suorum.Es ist Brauch der Magier, die Körper der Toten nicht zu begraben.
      AcIMos est Athenis laudari in contione eos, qui sint in proeliis interfecti.In Athen ist es Sitte, dass diejenigen, die in der Schlacht getötet worden sind, in der Volksversammlung gepriesen werden.
      SubjektsinfinitivMihi quidem constat nec meam contumeliam nec meorum ferre.Für mich steht es freilich fest, weder meine Verunglimpfung noch die der Meinigen hinzunehmen.







    *Anmerkungen

    Die Logik von den zwei abhängigen Objekten wirft insofern ein Problem auf, als dass auch unpersönliche Ausdrücke und intransitive Verben einen AcI bilden. Beispiel: mos est // confido (es kann nicht gefragt werden: wen o. was ist Sitte? // wen o. was vertraue ich?). Das Akkusativobjekt des AcI kann nicht als Objekt zum Verbum gesehen werden, da dieses entweder gar kein Objekt (mos est) oder ein Dativobjekt (confido) fordert. Hier zeigt sich, dass sich der AcI weitestgehend verselbstständigt und vom übergeordneten Verbum losgelöst hat. Nichtsdestotrotz gilt der AcI für den Lateiner immer noch nicht als Nebensatz!



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